Was ist Mutterrecht?
Legende, die die Minangkabau bis heute gerne
erzählen
Hochzeit im Kernland der Minangkabau
Antwort: "Das Recht der Mutter zu bestimmen, wer abwaschen soll oder so ..." –
In einer Bibliothek: Da müssen Sie mal unter Mutterschutz nachsehen! Nach dem
Hinweis auf die Bezeichnung Matriarchat: So etwas exotisches finden Sie
wahrscheinlich nur in derUni. – Laut Duden:
Matriarchat = Mutterherrschaft,
Gesellschaftsordnung, in der die Frau die bevorzugte Stellung in Staat und Familie
innehat und in der die Erbfolge und soziale Stellung der weiblichen Linie folgen,
das heißt auch, daß die Kinder den Namen der Frau tragen; Gegensatz:
Patriarchat = Vaterherrschaft,
vaterrechtliche Gesellschaftsform, in der die Familienoberhäupter alles bestimmen.
In reinen oder gemischten Formen existiert das Mutterrecht noch bei zahlreichen
Stämmen Zentral- und Westafrikas, Melanesiens, Südindiens und auf Sumatra, das zu
Indonesien gehört. Die größte noch existierende matrilineare Gesellschaftsordnung im
mittelsumatrischen Minangkabau erhebt die Frau in den Rang der Landbesitzerin
und Stammhalterin. Doch das ist in Indonesien wie weltweit eine große Ausnahme.
Das patriarchale Java, wo der Mann als Herr des Hauses offizielles Oberhaupt
der üblich gewordenen Kleinfamilie ist – genau wie bei uns –, gibt ein
wirklichkeitsnäheres Bild vom Leben indonesischer Frauen. Allerdings ist die
Alltagsmacht der Ehefrau und Mutter, der Ibu, hinter den Kulissen des
öffentlichen Lebens geradezu sprichwörtlich. Als "Helferin im Hintergrund" hat
sie die Entscheidungsgewalt über die Familienfinanzen und die Ausbildung der
Kinder. Ihre politische Mitwirkung beschränkt sich jedoch weitgehend auf den
Urnengang bei Wahlen – auch wie bei uns!?
Doch jetzt zurück zum Minangkabau – allein schon durch seine Häuserform,
die traditionellen Rumah Gadang, faszinierend. Jedes Teildach mit seiner eigenen
Giebelkrönung entspricht der Wohnung eines weiblichen Familienmitgliedes. So
entstanden mit wachsender Sippe gewaltige Bauten. Mit jeder Heirat einer
Nachkommin der Stammhalterin der drei bis vier Generationen umfassenden
Hausgemeinschaft fügte die Sippe einen neuen Hausflügel mit eigenem Satteldach
hinzu.Das wichtigste für dieses Volk ist der Zugang zu Grund und Boden. Land und
Häuser sind im Besitz alteingesessener Verwandtschaftsgruppen und werden nur
in weiblicher Linie vererbt. Hier gelten ganz andere Maßstäbe als in unserer
Gesellschaft. Nicht Vater, Mutter und Kind bilden den Kern einer traditionellen
Familie, sondern Großmutter, Mutter, Töchter, Onkel, Tanten und Kind formen
eine familiäre Gruppe. Noch heute sind Töchter und Söhne der Linie der Mutter
zugeordnet. So löst die Geburt einer Tochter hier die Befriedigung aus, die
bei uns auch heute noch die Geburt eines Sohnes bewirkt. Männliche Autorität
im Haus der Frau ist für einen Minangkabau-Jungen nicht der leibliche Vater,
sondern der älteste Bruder der Mutter. Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es den
angeheirateten Mann ohnehin nur als Besuchsgatten, der gelegentlich des Nachts
ins Schlafzimmer seiner Frau kommen durfte, sein alltägliches Leben spielte
sich aber bei der Verwandtschaftsgruppe seiner Mutter ab.
Durch eine Fernsehsendung angeregt, fragte ich meine Kinder:
Was ist Mutterrecht?
Obwohl sich vieles von der alten Tradition zugunsten moderner Lebensformen
verändert, bleibt die Grundlage des mutterrechtlichen Systems erhalten: die
Position der Frauen als Stammhalterin und Besitzerin des Landes. Die
hoheitsvolle Ausstrahlung der Frauen in den Straßen Bukittinggis, der
Hauptstadt des Minangkabau, der entspannte Stolz ihrer Erscheinung unter den
islamischen Kopftüchern, läßt ahnen, wie sehr sie des Respektes gewiß sind.
Es ist kaum vorstellbar, daß diese Frauen für ihre Männer schuften, während
diese das Geld beim Glücksspiel auf der Straße verzocken.Gibt die matrilineare
Organisation der Minangkabau westlicher Denkweise schon genug Rätsel auf, so
tut dies die funktionierende Kombination mit dem patriarchalen Islam noch mehr.
Drei Jahrhunderte ist es her, daß sich islamische Händler aus dem Norden in
dieses reiche Hochland aufmachten, angezogen vom Gold und Pfefferhandel. Die
Minangkabau übernahmen die neue Religion, hielten aber an den Lebensgewohnheiten
fest, wie sie durch das mutterrechtliche Adat, den Moral- und Rechte-Kodex,
bestimmt waren. Zum Konflikt kam es erst, als fanatische Missionare aus
Nordsumatra die islamische Lebensweise in ihrer strengsten Form aufzwingen
wollten; die blutigen Auseinandersetzungen gingen als Padri-Krieg, 1803-1833/38,
in die Geschichte ein. – Erst Jahrzehnte später schlossen der gemäßigte Islam
und das matrilineare Adat einen für beide Seiten lebbaren Frieden.Während die Frau
den Adat-Strukturen zufolge den materiellen Besitz behielt und bis heute Stammhalterin
geblieben ist, erweiterte der Islam die Bedeutung der Männer auf geistigem Gebiet.
Indem die Lehre Mohammeds den Männern einen respektablen Status verlieh, trug er
zum Erhalt der Position der Frauen sogar bei. Zudem waren die Männer in der Minangkabau-Gesellschaft schon vor dem Eintreffen des Islam nicht nur zur
Fortpflanzung gut. Sie erbten die immateriellen (geistigen) Adat-Ämter, versehen
mit hohem sozialen Prestige. So hatte jede Verwandtschaftsgruppe ein Oberhaupt,
das sie nach außen hin vertrat, nachdem man sich mit den Frauen abgestimmt hatte.
– Die Gesellschaft der Minangkabau ist keineswegs ein feministisches
Wunderland; die Frauen sind zwar stark, doch ist ihre Rolle als Mutter und Hausfrau ebenfalls festgelegt. Begriffe wie Selbstverwirklichung oder Individualität kennt das
Adat auch für Männer nicht.Im modernen Indonesien gerät der weiblich organisierte
Kollektivbesitz durch das Vordringen der westlich-kapitalistischen Wirtschaftsformen
in Gefahr (was weder die Holländer noch der Islam schafften). Die traditionelle Sozialstruktur der Minangkabau steht zwar noch in großem Ansehen, doch ist schon
heute auch dort die Kleinfamilie die verbreiteste Lebensform. Die Geldwirtschaft
beschert schließlich den Männern ein eigenes Bareinkommen und steigenden Eigenbesitz.
Legende, die die Minangkabau bis heute gerne erzählen:
Vor sechs Jahrhunderten bedrohte ein vielköpfiges Heer aus Java Westsumatra.
Um ihre Schwerter vor der Eroberungsschlacht zu schärfen, wetzten sie sie so
lange an den Felsen, bis alles Gestein in der Gegend zerstäubt war. Angesichts
solcher Kampfeswut sannen die Sumatraner auf eine Alternative zur Schlacht.
Anstelle einer Unzahl von Kriegern sollten nur zwei Büffel als Stellvertreter
der Gegner gegeneinander antreten. Die Javaner ließen sich auf den Vorschlag
ein, in der selbstgefälligen Überzeugung, daß ihr Büffel an Stärke nicht zu
übertreffen sei. Groß soll das Erstaunnen gewesen sein, als die Sumatraner nur
mit einem kleinen Büffelkalb ins Feld zogen. Dieses allerdings war zehn Tage
von der Milch seiner Mutter ferngehalten worden. Völlig ausgehungert, stieß das
Kälbchen seine metallbeschlagenen Hörner dort in den Büffel, wo es den Euter
suchte, und tötete ihn so. Der fremde Kriegsherr respektierte seine Niederlage
vor der List. Westsumatra aber, so die Legende, hatte einen Namen gefunden:
Minang Kabau = siegreicher Büffel.
Zur Erinnerung daran, wem sie den Frieden zu verdanken hatten, gaben die Frauen
ihrem wichtigsten Besitz neben dem Land, den Häusern, die Form des Schädels mit
den Hörnern.