Bei vielen mathematischen
Strömungsmodellen spielt die vollständige Analyse des
Stokes-Systems
eine zentrale Rolle. Eine Schwierigkeit
sowohl bei der theoretischen Untersuchung als auch bei der Anwendung
numerischer Verfahren ist die Tatsache, dass die Ordnung der
Differentialoperatoren für das gesuchte Geschwindigkeitsfeld u und
den Druck p unterschiedlich sind. Der numerischen Analysis entnommen
ist die Idee der Druckstabilisierung: Der zweiten Gleichung wird der
Term -ε ∆ p hinzugefügt, wobei ε ein kleiner Parameter ist.
Typischerweise werden dort dann Abschätzungen (bezüglich ε
durch Energiemethoden gewonnen. Diese sind aber nicht asymptotisch
scharf, vielmehr lassen sich die Abschätzungen mit Methoden aus
der Theorie elliptischer Systeme mit Parametern wesentlich verbessern,
ferner können auch Konvergenzaussagen in Gebieten mit nichtglatten
oder nichtkompakten Rändern bewiesen werden, die mit
Energiemethoden nicht möglich sind.
Bei der Untersuchung von
Bauteilversagen ist das Auftreten und die Ausbreitung von Rissen in
Werkstücken ein zentrales Problem. Bei temperaturabhängigen
Prozessen führt die Kombination aus mechanischer und thermischer
Belastung häufig zu Mixed-Mode Beanspruchungen an der Risspitze.
Wichtig für Lebensdauervoraussagen sind speziell die Fragen
- Unter welchen Bedingungen ist Risswachstum möglich?
- Wohin wächst ein Riss im Falle stabiler
Rissausbreitung?
- Wie schnell wächst der Riss?
- Wann setzt Gewaltbruch ein?
Seit 1921 wird das auf dem 1 Hauptsatz der Thermodynamik basierende
Energie-Kriterium von Griffith als ein rigoroses Werkzeug benutzt, um
die Ausbreitung von Rissen insbesondere in sprödem, isotropen
Material zu beschreiben. Trotz der enormen Anzahl von Publikationen auf
Gebiet der Bruchmechanik existieren immer noch Lücken in der
mathematisch exakten Beschreibung von Phänomenen bei der
Ausbreitung von Rissen, speziell bei anisotropen Materialien und unter
komplexen Belastungen. Insbesondere verhinderte dieweitgehend
akzeptierte Meinung von Sih und Liebowitz
"… since it is not a priori evident to which shape the … crack
would grow, a precise mathematical statement of the Griffith fracture
criterion does not
appear to be possible…" eine tiefer gehende mathematische Analyse des
Griffith Kriteriums, etwa bei der Untersuchung von abknickenden oder
verzweigten Rissen unter Mixed-Mode-Belastung. Dabei bezeichnet Mixed
Mode eine Überlagerung der drei grundlegenden
Rissbeanspruchungsarten (Mode I,
Mode II (ebenes Gleiten der Rissoberflächen), Mode III
(nicht-ebenes Gleiten der Rissoberflächen)). Statt dessen wurde
eine Fülle neuer Kriterien für die Rissausbreitung
formuliert. Diese beschäftigten sich hauptsächlich mit
geradlinig geknickten Rissen in isotropen und in weit geringerem
Maße auch in
anisotropen Medien. Einer der Gründe hierfür: Nur bei
isotropen Materialien und speziellen Belastungen und Geometrien (z.B.
Mode I- Belastung) ist es möglich, im Zusammenhang mit dem
Griffith Kriterium auftretende intrinsische Attribute wie die Rate der
freiwerdenden Energie oder die Spannungsverteilung in expliziten
Formeln anzugeben. Hier muss man unterscheiden zwischen formalen
asymptotischen Entwicklungen des Verschiebungsfeldes und/oder des
Dehnungs/Spannungs-Tensors nahe der Rissfront (und daraus gezogenen
Schlussfolgerungen) und deren mathematischer Rechtfertigung. Eine
mathematische rigorose Modellierung des ursprünglichen
Griffith-Kriteriums ist erst in den letzten 10 Jahren begonnen worden,
nachdem mit der Charakterisierung von elliptischen Randwertproblemen in
Gebieten mit konischen Singularitäten die Grundlagen gelegt worden
waren.
Da in der ursprünglichen Formulierung von einem als allgemein
gültig angesehenen Prinzip ausgegangen wird, ist es sinnvoll,
diesen Zugang
mit mathematischen Methoden weiter zu verfolgen. Die mathematische
Modellierung des Griffith-Kriteriums kann einen einheitlichen Zugang zu
den Risskriterien ermöglichen.
Publikationsliste